Quecksilbervergiftung


Schwermetall aus Energiesparlampen, Speisefisch und Amalgam-Zahnfüllungen

Quecksilber wird seit der Antike für die Metallverarbeitung und – wenig erfolgreich – als Heilmittel genutzt. Das Schwermetall hat erstaunliche Eigenschaften, ist aber auch hochgiftig und wegen Umweltbelastungen allgegenwärtig.

Quecksilber-Thermometer, in denen eine bunte Flüssigkeit eine Glasröhre hoch- und herunterklettert, kennen viele nur noch von früher, vom Hauseingang der Eltern oder Großeltern. Sie funktionieren, weil das Quecksilber bei Raumtemperatur flüssig ist. Es zieht sich bei Kälte zusammen und dehnt sich bei Wärme aus. Doch tritt es aus, kann das Quecksilber Vergiftungen auslösen. Heute werden Quecksilber-Thermometer deswegen in Deutschland nicht mehr produziert.

Vergiftungen mit Quecksilber sind mittlerweile selten. Das Schwermetall ist trotzdem Gegenstand zahlreicher Debatten. Es gelangt über Umweltbelastungen in die Natur, wir Menschen nehmen kleine Mengen über die Nahrung und über Zahnfüllungen aus Amalgam auf.

Erfahren Sie in diesem Artikel, wo Quecksilber herkommt, wie es in unsere Körper gelangt und was es dort bewirken kann. Wir erklären, in welchen Lebensmitteln der Schadstoff häufig vorkommt, wie Sie ihm aus dem Weg gehen und wie eine Chelat-Therapie das Schwermetall im Falle einer Quecksilbervergiftung aus Ihrem Körper ausleitet.

Lesen Sie hier mehr über Schwermetallvergiftung im Allgemeinen, unter anderem zu Arsen, Blei und Cadmium.

Was ist Quecksilber?

Die alten Römer brachten das flüssige, silbrig glänzende Schwermetall mit dem Götterboten Merkur in Verbindung und nannten es mercurius. Später wurde das Wort hydragyrum, „flüssiges Silber“, aus dem Griechischen ins Lateinische übernommen – daher kommt das chemische Elementsymbol Hg. Wegen seiner einzigartigen Eigenschaften nutzten schon die Menschen der Antike Quecksilber, vor allem weil es schon bei Raumtemperatur flüssig ist und sehr früh verdampft. Das Schwermetall hat nach wie vor Anwendungen in der Industrie, Quecksilberdampf bringt etwa Energiesparlampen zum Leuchten.

Quecksilber als „Heilmittel“

Weniger erfolgreich waren die Versuche, Quecksilber als Heilmittel einzusetzen. In Antike und Mittelalter wurde es als „graue Salbe“ gegen Lepra und Hautkrankheiten eingesetzt. Auch der berühmte Arzt Paracelsus schwor im 16. Jahrhundert auf Quecksilber-Salben gegen Syphilis. Gleichzeitig beobachtete er Quecksilbervergiftungen bei Bergleuten – und starb vermutlich selbst an einer chronischen Vergiftung mit dem Schwermetall[1].

Quecksilbervergiftung durch Medikamente

Noch heute kommt Quecksilber zusammen mit dem ebenfalls giftigem Blei in bedenklichen Mengen in manchen alten „Haussalben“ und traditionellen asiatischen Heilmitteln vor – zum Beispiel in Ayurveda-Medikamenten aus Indien und Sri Lanka. Diese Präparate führen hin und wieder zu schweren Vergiftungen[2].

Ein spektakulärer Fall: Eine deutsche Touristin erhielt in einem Ayurveda-Kurhotel in Sri-Lanka schwarze Kügelchen. Wieder in Deutschland litt sie unter Gewichtsverlust, Müdigkeit und Leistungsabfall. Die Diagnose ihres Arztes: eine schwere Quecksilbervergiftung. Die Kügelchen überschritten die Grenzwerte für Quecksilber um das 2,3-Millionenfache. Zwei weitere deutsche Ehepaare zogen sich in Sri Lanka wegen ähnlicher Ayurveda-Medikamente Quecksilbervergiftungen zu[2, 3].

Umweltbelastung durch Quecksilber

Quecksilber kommt in der Erdkruste vor, von dort aus gelangt es auf natürlichem Wege in die Umwelt. Vulkane schleudern es in die Atmosphäre und es tritt aus Ablagerungen in Böden und Meere ein.

Doch die Umweltbelastung mit Quecksilber hat sich durch Menschen drastisch erhöht. Wir fördern das Schwermetall gezielt in Quecksilber-Minen, in der Regel aus dem quecksilberhaltigen Mineral Zinnobererz, und bringen es als Nebenprodukt anderer Metalle zutage, zum Beispiel von Zink, Kupfer, Gold und Silber. Zudem wird es teilweise noch eingesetzt, um Gold aus unreinem Erz zu lösen. Illegale Goldminen in Südamerika und Indonesien verschmutzen so zum Beispiel mit quecksilberhaltigen Abwässern und Dämpfen die Umwelt[4, 5].

Wussten Sie schon? Nicht nur beim Verbrennen von Kohle kommt Quecksilber in die Luft – sondern auch bei der Feuerbestattung von Menschen mit Amalgam-Zahnfüllungen. Wegen Quecksilber und anderer Schadstoffe sind in Krematorien heute oft moderne Filteranlagen im Betrieb[6].

Wie gelangt Quecksilber in die Luft?

Quecksilber-Ausstöße in der Luft kommen zu 73 Prozent aus dem Energiesektor, vor allem aus Kohlekraftwerken. Das Quecksilber kann sich über die Luft weit verbreiten und kommt gebunden an Staubpartikel und über Niederschläge in die Böden sowie in Flüsse, Seen und Meere[7, 8].

Verschiedene Maßnahmen und Regulierungen haben die Quecksilber-Emissionen seit den 90er Jahren um mehr als 70 Prozent senken können. Allerdings verschwindet das Quecksilber, das wir in den letzten 150 Jahren in die Umwelt gebracht haben, währenddessen nicht einfach. In Ablagerungen im Boden und in den Meeren lagern nach wie vor große Mengen des Schwermetalls[7, 9].

Minamata-Konvention: Die Europäische Union, Deutschland und zahlreiche anderen Staaten unterzeichneten 2013 die Minamata-Konvention der Vereinten Nationen. Durch die Konvention wollen die beteiligten Staaten die weltweite Quecksilber-Belastung reduzieren. In Deutschland ist es unter anderem ab 2020 verboten, Glühbirnen und Thermometer mit Quecksilber herzustellen und zu verkaufen[10].

Quecksilberbelastung im Alltag

Am meisten Quecksilber nehmen wir Menschen auf, wenn wir bestimmte Fischsorten essen, unter anderem Hai, Schwertfisch, Thunfisch, Heilbutt, Aal, Hecht und Marlin. Auch Delfine und Wale, die etwa in Japan und auf den Färöer-Inseln nach wie vor auf dem Speiseplan stehen, sind stark belastet. Was diese Fische gemeinsam haben: Sie sind langlebige, große Raubfische, die weit oben in der Nahrungskette stehen[11, 12].

Warum sind große Fische so stark mit Quecksilber belastet?

Quecksilber aus Umweltbelastungen reichert sich in Algen und Plankton an, meist in Form von sogenannten Methylquecksilberverbindungen. Diese organischen Verbindungen sind für unsere Gesundheit die problematischste Form des Quecksilbers. Unser Magen-Darm-Trakt kann sie gut aufnehmen und sie über das Blut im Körper verteilen.

Kleine Krebstiere, Muscheln und Fische essen Plankton und Algen und sammeln Methylquecksilber in sich an. Das gesammelte Schwermetall landet dann im Magen von Raubfischen, auf deren Speiseplan die kleinen Tiere stehen. Auch sie reichern Quecksilber in sich an – bis sie wiederum von größeren Räubern gegessen werden. Je größer und älter ein Raubfisch wird, desto mehr Quecksilber nimmt er so nach und nach aus der Nahrungskette in sich auf[8, 11].

Gut zu wissen: Wenig mit Quecksilber belastete Fischsorten sind beispielsweise Seelachs, Scholle und Hering sowie Zuchtfische wie Forelle und Karpfen[13, 14].

Wie Quecksilber in die Nahrung gelangt

Welche weiteren Lebensmittel sind mit Quecksilber belastet?

Reis, Getreide, Pilze, Gemüse, Obst, Nüsse, Kakao und Fleisch enthalten Quecksilber – allerdings in wesentlich geringerem Maße als Fische und Meeresfrüchte. Außerdem finden sich in diesen Lebensmitteln meist elementares Quecksilber und anorganische Quecksilberverbindungen, die kaum über den Darm aufgenommen werden und als weniger bedenklich gelten[13].

Quecksilber in Energiesparlampen

Energiesparlampen und Leuchtstoffröhren funktionieren mit Quecksilberdampf – deswegen wird immer wieder vor der Vergiftungsgefahr gewarnt, wenn Lampen zerbrechen. Energiesparlampen dürfen heute aber nur noch maximal 2,5 Milligramm Quecksilber enthalten. Selbst wenn Sie die komplette Menge einatmen würden – was höchst unwahrscheinlich ist – wäre das nicht genug, um eine Vergiftung auszulösen. Außerdem zerbrechen Lampen meist, wenn wir die Glühbirne wechseln, wenn sie also schon kalt ist. In diesem Fall verdampft höchstens ein kleiner Teil des Quecksilbers, der Rest bleibt am Glas der Lampe haften[15].

Zerbricht eine Energiesparlampe, schadet es dennoch nicht, einige Sicherheitsmaßnahmen einzuhalten[16]:

  • Lüften Sie, schalten Sie Heizung und Klimaanlage aus und verlassen Sie den Raum für 15 Minuten.
  • Sammeln Sie die Scherben mit einem Einweghandschuh auf.
  • Entfernen Sie hartnäckige und kleine Überreste nicht mit dem Staubsauger, sondern mit Klebeband oder feuchten Papiertüchern.
  • Sammeln Sie die Abfälle in einem luftdicht verschließbaren Gefäß, etwa einem leeren Marmeladenglas. Lagern Sie die Abfälle nicht im Haus und lassen Sie sie als Sondermüll entsorgen, zum Beispiel bei einer Schadstoffannahmestelle.

Dasselbe Vorgehen können Sie auch bei zerbrochenen alten Thermometern mit Quecksilber einhalten.

Amalgam-Zahnfüllungen

Trifft Quecksilber auf bestimmte andere Metalle wie Silber, Zinn und Kupfer, bildet es mit ihnen Legierungen. Diese quecksilberhaltigen Metall-Gemenge nennt man Amalgame. Sie werden seit mehr als 150 Jahren in der Zahnmedizin verwendet, sind leicht formbar und widerstandsfähig, relativ günstig, langlebig und wirken Karies-Bakterien entgegen. Doch sie stehen wegen des enthaltenen Quecksilbers in der Kritik. Chronische Amalgamvergiftungen werden häufig für unspezifische Beschwerden wie Abgeschlagenheit, Bauchweh und Rückenschmerzen und für die Entstehung von Krankheiten verantwortlich gemacht[17].

Lösen Amalgamfüllungen Vergiftungen aus?

Das Quecksilber, das sich in Amalgamfüllungen befindet, ist an die anderen Metalle in der Plombe gebunden. Kleine Mengen des Schwermetalls können zum Beispiel beim Kauen verdampfen und so in den Körper übergehen. Studien fanden bei Menschen mit mehreren Amalgam-Zahnfüllungen nur minimal erhöhte Quecksilber-Werte, die deutlich unter den Mengen liegen, die als gefährlich gelten.

Einen Zusammenhang zwischen Amalgam-Zahnersatz und Gesundheitsgefahren konnten Wissenschaftler nicht belegen[18–20]. Es gibt wiederum Hinweise darauf, dass die Beschwerden von Menschen, die sich als amalgamgeschädigt sehen, oft psychischer Natur sind und auf die Angst vor dem Quecksilber in den Zahnfüllungen zurückgehen können[21].

Ist es sinnvoll, Amalgamfüllungen entfernen zu lassen?

Die Fachgesellschaften der Zahnärzte und das Robert Koch Institut raten davon ab, Füllungen aus Angst vor Amalgam entfernen zu lassen. Die Gefahr, dass dabei Quecksilber austrete und in den Körper gelange, sei wesentlich größer als beim dauerhaften Tragen im Mund. Nur bei Menschen, die gegen Quecksilber allergisch sind, ist es auf jeden Fall sinnvoll, das Amalgam zu entfernen[22].

Gut zu wissen: Wenn Sie viele Amalgamfüllungen haben, kann ständiges Kaugummikauen Ihre Quecksilber-Werte erhöhen. Das stellten Forscher bei Menschen fest, die unablässig Nikotinkaugummis kauten[23].

Amalgam in Schwangerschaft und Stillzeit

Schwangere sollten auf ihre Quecksilber-Zufuhr achten, da das Schwermetall über die Plazenta auf das ungeborene Kind übergehen kann. Studien zeigten zudem, dass Säuglinge das Schwermetall über die Muttermilch aufnehmen können. Auch bei stillenden Müttern mit mehreren Amalgam-Plomben geschehe das allerdings nicht in bedenklichen Mengen. Tragen Sie bereits Amalgamfüllungen, sollten Sie sie während Schwangerschaft oder Stillzeit nicht entfernen lassen, solange keine dringenden zahnmedizinischen Probleme dafürsprechen[22].

Seit dem 1. Juli 2018 dürfen Schwangere und Stillende sowie Kinder bis 15 Jahren nur noch in Ausnahmefällen eine neue Amalgamfüllung erhalten. Dieses von der EU angestoßene Verbot soll eventuellen Gesundheitsgefahren vorbeugen, hat vor allem aber auch einen Umweltschutz-Hintergrund: Wegen der Minamata-Konvention muss die EU dafür sorgen, dass weniger Quecksilber gefördert und verarbeitet wird. Auch Zahnarztpraxen sollen deswegen weniger von dem Schwermetall in die Umwelt bringen[18, 23].

Aus der Wissenschaft: Stillen empfohlen – trotz Quecksilber aus Walfleisch

Forscher wollten in einer Studie überprüfen, ob sich Stillen auch dann positiv auf das Kind auswirkt, wenn die Muttermilch mit Quecksilber belastet ist. Die Studie fand auf den Färöer-Inseln statt – viele der Bewohner dort essen Walfleisch mit hoher Quecksilberbelastung. Das Ergebnis: Die gestillten Kinder zeigten ab einem Alter von sieben Jahren keinen Vorsprung mehr in ihrer neurophysiologischen Entwicklung, aber auch keine Defizite. Die Autoren der Studie empfehlen deswegen auch Müttern, die relativ viel Quecksilber ausgesetzt sind, Ihre Kinder zu stillen[24].

Was passiert mit Quecksilber im Körper?

Wie Quecksilber auf Nervenzellen wirkt

Quecksilber kann auf verschiedenen Wegen in unseren Körper kommen. Unsere Lungen nehmen das Quecksilber zu bis zu 80 Prozent auf – 80 Prozent des Quecksilberdampfs, den wir einatmen, gelangen also in den Körper. Deswegen führen Quecksilberdämpfe relativ schnell zu Vergiftungen. Allerdings ist der Anteil von Quecksilber in der Luft eher niedrig. Wir nehmen mehr Quecksilber über die Nahrung als über die Atmung auf, auch wenn unser Magen-Darm-Trakt das Quecksilber weniger effizient weitergibt als die Lunge[25].

Essen Sie zum Beispiel einen Fisch, der mit Quecksilber belastet ist, landet organisches Methylquecksilber in ihrem Verdauungssystem. Einen Teil des Quecksilbers scheiden Sie direkt wieder aus, ein anderer Teil gelangt über die Darmwand ins Blut und verteilt sich von dort aus über den Organismus.

Unser Körper gibt das Quecksilber nach und nach über Urin und Stuhl wieder ab. Je nachdem, um welche Art von Quecksilber es sich handelt, beträgt seine biologische Halbwertszeit bis zu 60 Tage – so lange dauert es, bis der Körper die Hälfte der Schadstoffe ausgeschieden hat[26].

Wirkung auf das zentrale Nervensystem

Das organische Quecksilber kann die Blut-Hirn-Schranke passieren, also vom Blut ins zentrale Nervensystem übergehen. Im Gehirn kann das Schwermetall Halbwertszeiten von mehreren Jahren haben. Es beschädigt Zellen, indem es bestimmte Enzyme in ihnen blockiert[27].

Quecksilber kann so vor allem neurologische Beschwerden verursachen. Besonders empfindlich reagiert das Gehirn von Kindern, das sich noch in der Entwicklung befindet, auf das Schwermetall. Das gilt auch für ungeborene Kinder, die Quecksilber über die Plazenta aufnehmen. Schwangere, stillende Mütter und auch kleinere Kinder sollten deswegen möglichst keine der häufig belasteten Fischsorten essen[7, 26].

Wirkung auf die Nieren

Anorganische Quecksilberverbindungen, von denen der Magen-Darm-Trakt nur bis zu 10 Prozent aufnimmt, reichern sich vor allem in den Nieren an, in geringeren Mengen auch in Leber, Schilddrüse, Gehirn und Hoden. In all diesen Organen kann das Quecksilber Zellen angreifen und so auf lange Sicht zum Beispiel Nierenschäden verursachen[28].

Quecksilbervergiftung – Symptome

Die Symptome einer Quecksilbervergiftung hängen davon ab, ob die Vergiftung akut verläuft oder chronisch und welche chemischn Verbindung des Quecksilbers in den Körper gelangt ist.

Symptome: Vergiftung mit organischem Quecksilber

Chronische Vergiftungen durch organisches Quecksilber traten geballt in den 1950er Jahren im japanischen Minamata auf. Die Bewohner aßen Fisch, der durch Industrieabfälle extrem stark mit Methylquecksilber belastet war. Es kam zu Nervenschäden, Muskelschwund, Fehlbildungen bei Neugeborenen und Todesfällen. Chronische Vergiftungen mit Methylquecksilber nennt man deswegen heute auch Minamata-Krankheit.

Die typischen Beschwerden sind bei akuten und chronischen Vergiftungen mit organischem Quecksilber jeweils sehr ähnlich. Sie treten manchmal erst mit Verzögerungen von Wochen und Monaten in Erscheinung und betreffen in erster Linie das zentrale Nervensystem[16, 26]:

  • Eingeschränktes Sehfeld, Störungen des Hör- und Sprachvermögens
  • Bewegungsstörungen (Ataxie) bis hin zu Lähmungen
  • Hautreize wie Kribbeln und Pelzigkeit (Parästhesien), vor allem in Händen und Füßen
  • in sehr schweren Fällen Koma und Tod

Symptome: Vergiftung mit anorganischem Quecksilber

Vergiftungen mit anorganischem Quecksilberdampf treten heute meist bei Unfällen an Industrie-Arbeitsplätzen auf. Bei akuten Vergiftungen kann es zu Metallgeschmack im Mund und zu Verätzungen im Rachen und an der Speiseröhre kommen, zu heftigen Bauchschmerzen und Erbrechen.

Symptome einer chronischen Vergiftung mit anorganischem Quecksilber sind[16, 26]:

  • Abgeschlagenheit, Appetitlosigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten
  • Schlaflosigkeit
  • Übererregbarkeit, Depression, Zurückgezogenheit
  • Tremor (Zittern, vor allem an Fingern, Augenlidern und Lippen)
  • Gingvitis (Zahnfleischentzündung)
  • Nierenerkrankungen

Wussten Sie schon? Die englische Redewendung „mad as a hatter“, also „verrückt wie ein Hutmacher“, gab es schon lange vor dem verrückten Hutmacher im Roman Alice im Wunderland. Viele Hutmacher erschienen im 18. Jahrhundert reizbar und wunderlich und zitterten oft unkontrolliert. Der Grund für das „verrückte“ Verhalten? Hutmacher arbeiteten zu dieser Zeit mit Quecksilbersalzen und zogen sich dadurch Vergiftungen zu, die ihr Nervensystem beeinträchtigten.

Quecksilbervergiftung – Therapie

Bei chronisch erhöhten Quecksilber-Werten empfehlen Therapeuten in der Regel, die Ursachen für die Vergiftung zu meiden, also zum Bespiel weniger belasteten Fisch zu sich zu nehmen. Der Körper kann das Quecksilber dann nach und nach selbst ausscheiden. Ob Sie zu viel Quecksilber oder andere Schwermetalle im Körper tragen, können Sie von Ihrem Arzt ermitteln lassen oder mit einem Selbsttest für zuhause herausfinden, zum Beispiel mit dem cerascreen® Schwermetall Test.

Wie hängen Quecksilber und Selen zusammen?

Es ist sinnvoll, bei erhöhten Quecksilberwerten die Konzentration des Mineralstoffs Selen im Körper zu messen. Selen gilt als Quecksilber-Antidot, es bindet das Schwermetall an sich, kann danach aber seinen eigentlichen Aufgaben nicht mehr nachgehen. Dementsprechend besteht bei zu viel Quecksilber im Körper die Gefahr eines Selen-Mangels. Bei einer niedrigen Selenkonzentration in Ihrem Körper können Sie mit Selenpräparaten gegensteuern[26].

Quecksilber ausleiten

Wie bei anderen schweren Schwermetallvergiftungen können Ärzte Quecksilber mit einer Chelat-Therapie ausleiten. Sogenannte Chelat-Komplexe binden dabei das Quecksilber an sich, sodass der Körper es leichter ausscheiden kann. Allerdings sind Nebenwirkungen möglich. Unter anderem befördert eine Chelat-Ausleitung auch wichtige Spurenelemente wie Kupfer, Selen und Zink aus dem Körper.

Ärztliche Fachgesellschaften empfehlen die Chelat-Therapie nur bei schweren akuten Quecksilbervergiftungen. Die Wirksamkeit anderer Anwendungen ist nicht wissenschaftlich belegt, das gilt auch für die Diagnose von Schwermetallvergiftungen durch eine Kombination von Chelat-Komplexen und Urin-Tests. In Notfällen setzen Ärzte auch Magenspülungen ein und verabreichen Aktivkohle. Beides trägt dazu bei, Quecksilber-Überreste schnell aus dem Verdauungstrakt zu befördern, bevor der Darm sie aufnehmen kann können[29].

Quecksilbervergiftung: Auf einen Blick

Was ist Quecksilber?

Quecksilber ist ein Schwermetall, das bei Raumtemperatur flüssig wird, leicht formbar ist und deswegen seit der Antike von Menschen genutzt wurde. Heute wird es zum Beispiel in kleinen Mengen noch beim Bau von Energiesparlampen verwendet. Quecksilber ist aber auch hochgiftig, über Atemluft und Verdauung kann es ins Blut gelangen und unter anderem den Nervenzellen schaden.

Wie kommt Quecksilber in die Nahrung?

Quecksilber wird vor allem von Kraftwerken in die Atmosphäre ausgestoßen. Aus der Luft lagert es sich in Böden und Gewässern ab. Besonders im Meer wandert das problematische Methylquecksilber die Nahrungskette empor und reichert sich in großen Raubfischen an, etwa in Haien, Thunfischen, Aalen, Hechten und Heilbutten.

Wie gefährlich ist Quecksilber in Amalgam-Füllungen?

Amalgam-Plomben bestehen zum Teil aus Quecksilber. Kleine Mengen des Schwermetalls können zum Beispiel beim Kauen verdampfen. Studien konnten bislang keine Zusammenhänge zwischen dem Tragen vieler Amalgam-Füllungen und Gesundheitsproblemen belegen. Um die Quecksilberbelastung der Umwelt zu verringern, sollen Amalgam in der Zahnmedizin in Zukunft nicht mehr verwendet werden.

Wer sollte besonders auf seine Quecksilberbelastung achten?

Empfehlungen gibt es für Schwangere, Stillende und kleine Kinder. Sie sollten möglichst wenig belasteten Fisch essen, da das Gehirn in seiner Entwicklung auch auf kleinere Mengen Quecksilber empfindlich reagieren kann.

Welche Symptome zeigen sich bei Quecksilbervergiftung?

Eine Vergiftung mit organischem Quecksilber, wie es etwa in belastetem Fisch vorkommt, ist heute sehr selten. Die Symptome einer solchen Vergiftung betreffen vor allem das Nervensystem, dazu gehören Störungen des Sehens, Hörens und Sprechens, Lähmungen sowie Kribbeln und Pelzigkeit an Händen und Füßen.

Was tue ich bei einer Quecksilbervergiftung?

Bei einer schweren Quecksilbervergiftung können Ärzte den Verdauungstrakt mit Magenspülung und Aktivkohle reinigen, damit nicht noch mehr Quecksilber aufgenommen wird. Außerdem leiten sie das Schwermetall mit einer Chelat-Therapie aus. Bei leichteren Vergiftungen und chronischer Quecksilberbelastung ist es entscheidend, die Quellen der Belastung zukünftig zu meiden.

Quellenangaben

  1. Classen, A.: Paracelsus im Kontext der Wissenschaften seiner Zeit: Kultur- und mentalitätsgeschichtliche Annäherungen. Walter de Gruyter (2010)
  2. Ärzteblatt, D.Ä.G., Redaktion Deutsches: Blei, Quecksilber und Arsen in Ayurveda-Produkten, https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/33483/Blei-Quecksilber-und-Arsen-in-Ayurveda-Produkten
  3. Ayurveda-Medizin: Zwei deutsche Ehepaare auf Sri Lanka vergiftet, http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/ayurveda-zwei-deutsche-ehepaare-auf-sri-lanka-vergiftet-a-1054771.html, (2015)
  4. Raubbau in Südamerika: Goldminen sind das neue Kokain, http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/illegale-goldmeinen-in-suedamerika-frueher-kokain-jetzt-gold-a-1068596.html, (2015)
  5. Green Cross, Pure Earth: 2015 – World’s Worst Pollution Problems. The New Top Six Toxic Threats: A Priority List for Remediation. (2015)
  6. Krematorien: Letzte Mühe, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13687807.html, (1993)
  7. Lehmphul, K.: Häufige Fragen zu Quecksilber, http://www.umweltbundesamt.de/themen/gesundheit/umwelteinfluesse-auf-den-menschen/chemische-stoffe/haeufige-fragen-zu-quecksilber
  8. Batrakova, N., Travnikov, O., Rozovskaya, O.: Chemical and physical transformations of mercury in the ocean: a review. Ocean Sci. 17 (2014)
  9. Wilke, S.: Schwermetall-Emissionen, http://www.umweltbundesamt.de/daten/luft/luftschadstoff-emissionen-in-deutschland/schwermetall-emissionen
  10. Die Bundesregierung: Gemeinsam gegen hochgiftiges Quecksilber, https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2017/09/2017-09-23-quecksilber-cop1.html
  11. Niedersächsisches Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: Schwermetalle in Fischen und Fischereierzeugnissen | Nds. Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, https://www.laves.niedersachsen.de/startseite/lebensmittel/lebensmittelgruppen/fisch_fischerzeugnisse/schwermetalle-in-fischen-und-fischereierzeugnissen-152347.html
  12. Wal- und Delfinfleisch voller Quecksilber • Deutsche Stiftung Meeresschutz, https://www.stiftung-meeresschutz.org/themen/meeresverschmutzung/wal-und-delfinfleisch-mit-viel-quecksilber/, (2016)
  13. Blume, K., Bundesinstitut für Risikobewertung (Germany) eds: Aufnahme von Umweltkontaminanten über Lebensmittel (Cadmium, Blei, Quecksilber, Dioxine und PCB): Ergebnisse des Forschungsprojektes LExUKon. Bundesinstitut für Risikobewertung, Berlin (2010)
  14. Verbraucherzentrale Bayern: Welche Lebensmittel sind mit Schwermetallen belastet?, https://projekte.meine-verbraucherzentrale.de/DE-BY/welche-lebensmittel-sind-mit-schwermetallen-belastet-
  15. Bundesumweltamt: Quecksilber in Umwelt und Produkten - Schwerpunkt Lampen.
  16. Arndt, T.: Problematik, Klinik und Beispiele der Spurenelementvergiftung - Quecksilber. Toxichem Krimtech. 79, (2012)
  17. Simon, M., Jönk, P., Wühl‐Couturier, G., Halbach, S.: Mercury, Mercury Alloys, and Mercury Compounds. In: Ullmann’s Encyclopedia of Industrial Chemistry. American Cancer Society (2006)
  18. Ärzteblatt, D.Ä.G., Redaktion Deutsches: Kein Amalgam mehr für Kinder und Schwangere in der EU, https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/96003/Kein-Amalgam-mehr-fuer-Kinder-und-Schwangere-in-der-EU
  19. Krupa, D.: Little evidence to link mercury fillings to human health problems. Life Sci. Res. Off. LSRO. 3
  20. Mutter, J.: Is dental amalgam safe for humans? The opinion of the scientific committee of the European Commission. J. Occup. Med. Toxicol. Lond. Engl. 6, 2 (2011). doi:10.1186/1745-6673-6-2
  21. Osborne, J.W., Albino, J.E.: Psychological and medical effects of mercury intake from dental amalgam. A status report for the American Journal of Dentistry. Am. J. Dent. 12, 151–156 (1999)
  22. Robert Koch Institut: Amalgam: Stellungnahme aus umweltmedizinischer Sicht: Mitteilung der Kommission „Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin“. Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz. 50, 1304–1307 (2007). doi:10.1007/s00103-007-0338-z
  23. Thomas Müller: Vor allem Kaugummi-Kauen läßt viel Quecksilber aus Amalgam-Füllungen verdampfen, https://www.aerztezeitung.de/medizin/fachbereiche/sonstige_fachbereiche/umweltmedizin/article/338850/allem-kaugummi-kauen-laesst-quecksilber-amalgam-fuellungen-verdampfen.html
  24. Jensen, T.K., Grandjean, P., Jørgensen, E.B., White, R.F., Debes, F., Weihe, P.: Effects of breast feeding on neuropsychological development in a community with methylmercury exposure from seafood. J. Expo. Sci. Environ. Epidemiol. 15, 423–430 (2005). doi:10.1038/sj.jea.7500420
  25. Kijewski, H.: Probleme bei der Beurteilung von Quecksilber-(Hg-)Vergiftungen und Hg-Belastungen. Toxichem Krimtech. 79, 61–70 (2012)
  26. Umweltbundesamt: Stoffmonographie Quecksilber - Referenz- und Human-Biomonitoring-(HBM)-Werte. Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz. 42, (1999)
  27. Wegner, R.: Vergiftungen durch Schwermetalle und Arsen. Internist. 2002, 818–827
  28. Lebensmittelsicherheit, D.P.F.B.L. für G. und L., Dr Renate Habernegg Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Dr Hans Lepper Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Ulrike Steger Bayerisches Landesamt für Gesundheit und: Schwermetalle in Lebensmitteln, https://www.vis.bayern.de/ernaehrung/lebensmittelsicherheit/unerwuenschte_stoffe/schwermetalle.htm
  29. Umweltbundesamt: Einsatz von Chelatbildnern in der Umweltmedizin? Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz. 42, 823–824 (1999)